Glasbläser in Parád
Faszinierende
Facetten
Seit dem Frühjahr hat sich in einer
traditionellen Glashüttengegend Ungarns eine Glasfabrik, die Art Glass Parád
Kft., der traditionellen Herstellung von Glas verschrieben. Die beiden Eigentümer
standen der BUDAPESTER ZEITUNG Rede und Antwort.
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| Bilder: Gábor Gál (6) |
In der Gemeinde
Parád, etwa 100 Kilometer östlich von Budapest gelegen, wird seit dem 17.
Jahrhundert Glas hergestellt. Es gab hier lange Zeit eine große Glasfabrik, die
den Menschen in der Umgebung Arbeit als Glasbläser, Schleifer und Graveure bot.
Die benötigten Fachleute wurden in einer Fachschule in der nahe gelegenen
Kleinstadt Gyöngyös ausgebildet. Leider machte das Management nach der Wende
den Fehler, auf maschinelle Fertigung umzustellen – so musste die Fabrik 2004
schließen.
Neuanfang
Fast zehn
Jahre später ist in Parád eine Glasmanufaktur entstanden, die sich ausschließlich
auf Produkte spezialisiert hat, die mit dem Mund geblasen werden. Die
beiden Eigentümer, Zsolt Berényi und Marcell Rénes, ergänzen sich bei der
Leitung der Firma, wobei Zsolt als Ingenieur den technischen Teil beisteuert
und Marcell für das Marketing zuständig ist. Über Glas und seine Besonderheiten
wissen jedoch beide Bescheid.
| Bild: Zoltán Sziebig (1) |
Unterschiede der Herstellung
Glas sei
keine chemische Verbindung, die stabil sei, sondern eine Mischung, erklären
sie, wobei die Zusammensetzung ausschlaggebend sei. Der Schmelzpunkt müsse so
gewählt werden, dass die Masse glühe und formbar sei. Es komme alles auf die
richtige Zusammensetzung an, was die in Parád ausgebildeten Glasbläser aus dem
Effeff wüssten. So sei es auch nicht schwierig gewesen, Mitarbeiter für die
neue Firma zu finden.
Tradition und Fortschritt
Das kleine
Gebäude, das eigentlich nur Versuchszwecken dienen sollte, erbte Marcell vor
einigen Jahren von seinem Vater. Es wurde damals als Lagerhaus genutzt und
musste ein wenig umgebaut werden. Das Glas wird ausschließlich in Elektroöfen
geschmolzen. Grund dafür sind einerseits die Wirtschaftlichkeit und der Umweltschutz,
andererseits die schönere Verarbeitung des Glases. Bei Brennöfen gäbe es immer
Einschlüsse, diese fielen durch den Elektroofen weg. So entstünden aus dem
Glasgranulat, das aus Deutschland stamme, noch schönere Gläser.
Die
Entscheidung, Granulat zu nutzen fällten die Besitzer deshalb, weil sie ihre
Mitarbeiter vor den giftigen Bleidämpfen schützen wollen, die etwa bei der
Kristallglasherstellung entstehen. Einer der Glasbläser schwärmt von der Qualität
des Materials, das sich wunderbar verarbeiten ließe und einen ganz anderen
Glanz habe als die Glasobjekte, die er früher gemacht habe. Überdies trage auch
der Schmelztiegel, der aus einem einzigen Stück Quarzkristall bestehe, zu der
hohen Reinheit des Endproduktes bei.
Der ganz
besondere Glanz der Gläser entstehe durch die Benutzung von speziellen Holzformen,
die in Wasser eingeweicht dem heißen Material ihre Form gäben. Durch den Dampf,
der beim Formen entstehe, werde das Glas so glatt, dass sogar „eine Fliege
darauf ausrutschen würde“, so Zsolt. Der Fachmann für diese Formen wohne übrigens
zwei Häuser weiter und stelle diese ausschließlich traditionell von Hand und
aus Buche her.
Monopolstellung
Ihr Ziel sei
es, in- und ausländische Kunden sowie Firmen und Privatpersonen für ihre
Objekte zu interessieren, und so entstünden im Moment die Vorzeigestücke.
Geplant seien kleine, exklusive Serien mit individueller Gravur und höchstens
zwei verschiedenen Farben. Jedoch werden auf Bestellung auch ganz spezielle
Einzelanfertigungen hergestellt. Insgesamt wollen Zsolt und Marcell am Ende
rund 20 Mitarbeiter beschäftigen, die in zwei Schichten die Produkte
herstellen, schleifen und gravieren. Die Firma soll eher klein bleiben und sich
auf die Qualität und Einzigartigkeit konzentrieren, denn sie seien die
einzigen, die Glas noch per Mund bliesen.
| Bild: Zoltán Sziebig (1) |
Aus diesem
Grund werden auch die Produkte laufend weiterentwickelt. Einer der Glasbläser
berichtet von regelmäßigen Versuchen und Ideen und zeigt uns ein abstraktes
Eichhörnchen, das beim letzten Mal entstanden sei. „Glasbläser ist mehr als ein
Beruf, es ist das Gefühl für Glas und die Freude daran“, betont er mit
zufriedenem Gesichtsausdruck.
Ausbildung und Besuche
Da die
Ausbildung in Sachen Glasbearbeitung in der Umgebung von Parád verschwunden
sei, werde Art Glass künftig selbst ausbilden, sagt Zsolt, der auch noch
weitere Zukunftspläne verrät. So wird Glaskünstlern und Studenten der
Universität für Kunst und Design die Möglichkeit geboten, an den Öfen zu
arbeiten, Führungen für Privatpersonen und Schulen werden ab Ende Juli auch auf
Englisch und Deutsch angeboten, und die Website mit Onlineshop wird noch diesen
Sommer erreichbar sein. In fernerer Zukunft will Zsolt auch einen Lastwagen mit
fest installiertem Brennofen haben, der in ganz Europa von Festival zu Festival
fährt und die Glasbläserkunst vermittelt.
Ines Gruber
Art
Glass Parád Kft.
Tel.: +36 20 9546719, +36 20 4446161
3242 Parádsasvár, Petõfi Sándor utca 21
www.artglassparad.hu
Der Besuch der Werkstatt dauert
etwa eine halbe Stunde, Erklärungen
zur Glasbläserkunst inklusive.
Eintritt: Schüler und Studenten 700, Erwachsene 1.000 Forint.
Um Anmeldung wird gebeten.
Erschienen in
der Budapester Zeitung Nr. 28, vom 12. – 18. Juli 2013
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| Bilder: János Rátki (3) |




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