Samstag, 19. Oktober 2013

Tibor Szántó


Ein Chocolatier in Ungarn
Schokolade aus und mit Leidenschaft

Etwa 40 Menschen befinden sich in einem hellen Saal. Auf einem weiß  gedeckten Tisch stehen für jeden ein Teller mit einem Messer und einer Tasse bereit; daneben ein Blatt Papier, auf dem viele Schokoladentäfelchen und Pralinen liegen. Außerdem vorhanden sind ein Projektor, ein Holzkasten mit geheimnisvollem Inhalt und ein Mann, der mit leuchtenden Augen von und über Schokolade erzählt. So sieht er aus, der Anfängerkurs von Chocolatier Tibor Szántó.

Bilder: Aaron Taylor (3)
Anfänglich scheint der Kurs etwas theoretisch und trocken, die Geschichte der Kakaobohne wird erklärt. Das weiß Tibor Szántó und fordert die Teilnehmer schmunzelnd dazu auf, die erste Kostprobe seiner Schokoladenkunst zu versuchen, Trinkschokolade aus dunklem, echten Kakaopulver. Schmeichelnd rinnt sie den Hals hinab. Nach diesem Gaumenschmaus erklärt der Chocolatier anhand von Bildern und unterfüttert mit geographischen Informationen, dass Kakaobäume einer besonderen Pflege bedürfen, in den Tropen, im sogenannten Kakao-Gürtel zu finden sind und als vier Arten und einige Unterarten existieren. Zweimal im Jahr bringen sie unterschiedliche Ernten. Jede dieser Sorten hat einen eigenen Geschmack, eigene Besonderheiten, die durch den Standort und Boden geprägt werden. „Ganz wie bei einem guten Wein oder bei Apfelsorten“, resümiert Szántó und erlaubt den gespannt Wartenden schließlich, die erste, köstlich im Mund schmelzende Praline zu genießen. 

Wie der Experte erklärt, wird die Qualität allerdings nicht nur durch den Standort geprägt: Auch die Behandlung während und nach dem Anbau ist wichtig. Einige Anbaugebiete wie Ghana und die Elfenbeinküste benutzen Chemikalien, um die Produktion zu steigern, und behandeln die Plantagenarbeiter schlecht. Obwohl aus diesen Gebieten fast 60 bis 70 Prozent der gesamten Welternte stammen, kauft Szántó „von diesen Anbietern nicht“, er legt Wert auf „Fair Trade und Qualität“. Es ist jedoch sehr interessant zu erfahren, dass in Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika 80 bis 90 Prozent der Ernte angekauft und verarbeitet werden. Nur wenige Gebiete wie Mexiko bauen fast ausschließlich für den eigenen Verzehr an. Ein sehr wichtiger Schritt in der Kakaoverarbeitung ist die Fermentation, das Trocknen in der Sonne, das zwischen fünf und 20 Tagen dauern kann. Die Qualität des Produkts wird von der Dauer bestimmt, „je länger der Trockenprozess andauert, umso besser ist die Kakaobohne“.

Während der biologischen Exkursion wird sich langsam an den Schokoladensorten auf dem Blatt Papier entlang getastet. Man stellt fest: Kakaobohnen sind an sich sehr trocken, haben jedoch einen angenehmen Eigengeschmack. Schokolade aus Ecuador schmeckt anders als diejenige aus Trinidad und schon nach wenigen Stückchen ist man – leider – angenehm gesättigt. „Das liegt an den Antioxidantien in der Schokolade“, weiß Szántó. Diese seien der Grund, warum Schokolade sehr gesund ist. „Sie sättigt, macht glücklich und hält jung.“



Nun erfährt der gespannte Zuhörer, dass der Holländer Coenraad Johannes van Houten 1828 das Kakaopulver entdeckte, warum man ihm Kakaobutter beigeben muss, und dass der Schweizer Schokoladenhersteller Rudolphe Lindt das Conchieren erfunden hat und damit die heute übliche zartschmelzende Konsistenz der Schokolade erzielte. Der kurze Gang durch die Geschichte wird mit Hinweisen auf die Produktion von guter Schokolade und weiteren Proben begleitet. Auch die Zusammensetzung der verschiedenen Sorten wird erklärt und betont, dass man Schokolade in vier Formen gießen kann: „Tafeln, Trüffel, Eier und Bonbons.“ Alles andere, wie Schokoladennikoläuse in menschlicher Form, denen man den Kopf abbeißt, „ist nicht normal“ findet Szántó. Auch sollten die anwesenden Eltern in Zukunft mehr darauf achten, welche Art Schokolade sie ihren Kindern in die Hände geben, denn eine gute Tafel enthält neben 20 bis 40 Prozent Zucker ein wenig Bourbon-Vanille und 60 bis 80 Prozent Kakaomasse und Kakaobutter. Bei Milchschokolade sinkt der Anteil der Kakaomasse und Kakaobutter auf 30 bis 40 Prozent, anstatt dessen wird Milchpulver hinzugefügt. „Kinder können gute und schlechte Schokolade unterscheiden. Und schlechte hat meist noch andere Inhaltsstoffe, die nicht gesund sind“, warnt der Profi.


Die Teilnehmer haben die Einleitung überstanden. Neugierde wird mit herumgereichten Kakaobohnen – geröstet und ungeröstet, das macht einen großen Unterschied – den Schalen der Frucht und Kakaobutter-Proben gestillt, einige weitere Pralinen und Täfelchen werden verzehrt. Nun geht es über zum Programmpunkt „professionelle Verköstigung“. Etwas spät vielleicht, denn – obwohl anfangs der Vorsatz bestand, all die Köstlichkeiten restlos zu vernichten – müssen sich die meisten jetzt schweren Herzens selbst bremsen und kosten nur noch kleine Stückchen in der Hoffnung, so doch noch alles probieren zu können.  
Ähnlich wie ein guter Wein hat auch gute Schokolade Erkennungsmerkmale, die man mit allen Sinnen erfassen kann, erklärt Chocolatier Szántó. So muss die Oberfläche glänzend und für die Finger glatt sein, denn dann hatte die Schokolade die richtige Temperatur bei der Zubereitung. Sie sollte einen köstlichen Geruch verströmen; vor dem Kosten sollte man neben dem Ohr außerdem ein Stückchen abbrechen. Wenn ein scharfes Knacken ertönt, ist die Kristallstruktur genau richtig. Und das Wichtigste: das Kosten an sich. Niemals sollte man die Schokolade einfach herunterschlingen, sondern sie sich genussvoll auf der Zunge zergehen lassen, damit sie den gesamten Mundraum ausfüllt. „Was schmecken Sie jetzt?“, fragt der Lehrer gespannt. „Etwas Saures?“ ist die vorsichtige und offenbar gewünschte Antwort. „Genau“ strahlt Szántó und erklärt, dass Schokolade genauso wie Wein Tanin enthält und damit natürlich auch Säure.



Jedes Stückchen wird jetzt auf Herz und Nieren auf seine Kopfnote geprüft. Jedes Mal aufs Neue erfreut es den Chocolatier, wenn die Kursteilnehmer überraschend eine Beerennote oder etwas Kaffee herausschmecken. Diese Kopfnoten können dann mit verschiedenen anderen Kräutern oder Blumen kombiniert werden, die allerdings niemals den Eigengeschmack der Schokolade überlagern sondern ihn eher verstärken und verbessern sollen. Zu der Schokolade aus „Ecuador passen hervorragend östliche Kräuter wie Muskatnuss, Pfeffer und Safran. Andere entwickeln mit südlichen Früchten wie Himbeere, Orange oder Blumen wie Veilchen, Rosen und Jasmin einen hervorragenden Geschmack“. Das probiere er ständig aus, erzählt Szántó; immer mehr möchte er einheimische Kräuter wie Tihanyer Lavendel und Mandeln aus der Umgebung benutzen und hat auch schon einen eigenen Kräutergarten dafür angelegt.


Erschöpft von den vielen Eindrücken, dem Erzählten und den Genüssen, glaubt man dem Chocolatier nach zwei Stunden gern, dass die Welt der Schokolade eine unglaubliche und noch unerforschte Fülle von Aromen und Geschmäckern enthält. Stets wichtig bei seiner Arbeit mit ihr ist Szántó, dass er seine Kreationen in Eigenregie herstellt. „Damit die Qualität gewahrt bleibt“ und sie nicht zur „Massenware werden“.
Ines Gruber

Tibor Szántó

Rákóczi Ferenc utca 31

2310 Szigetszentmiklós

Tel.: + 36 70 512 1084

www.szantotibor.com


Kurse in Ungarisch und Englisch siehe Webseite
Anfänger: 4.900 Forint
Fortgeschrittene: 6.900 Forint

TIBOR SZÁNTÓ schloss 2004 die Sommelierschule in Ungarn ab, besuchte danach die italienische Gastronomieschule La Cultura d’Italia und die Weinschule in Budafok. Er nahm an einigen Kochkursen mit internationaler Küche teil, absolvierte eine Pilzschule, begann 2008 seine Ausbildung beim Wine and Spirit Education Trust (eine Schule für Weinkenner), 2009 den Diplomkurs in der Weinakademie Östereich WSET und lernte ab 2010 in Belgien an der Schokoladenakademie. Im Jahr 2006 gründete Szantó seine Schokoladenwerkstatt und produziert seit 2007 regelmäßig Leckereien. Im gleichen Jahr startete er seine Schokoladenkurse, die seit 2011 auch in englischer Sprache besucht werden können. Szántó schrieb und schreibt unter anderem für das Online-Magazin des Nõk Lapja, Sanoma Startlap und für das Gourmet-Online-Magazin Vinoport. Des Weiteren ist er Mitglied bei Slow-Food und dem Terroir Club. 2011 erreichte er beim Dining Guide den zweiten Platz unter den Chocolatiers.

Erschienen in der Budapester Zeitung Nr. 16, vom 18.-24. April 2011

Es-tu un Ange? und Dudu&T-rex


Designer aus Ungarn – Teil 10
Natali Rideg und ihre Label Es-tu un Ange? und Dudu&T-rex
Mode für Vollblut-Frauen

Klare Linien, gedeckte Farben und Kombinierbarkeit prägen die Designs von Natali Rideg, die Kleidung für aktive Frauen macht, die wissen, was sie wollen. Auch was sie selbst will, weiß Rideg ganz genau. Die BUDAPESTER ZEITUNG traf sie im Showroom von „Pazicski“, in dem ihre Kreationen vertrieben werden und sprach mit ihr über Inspiration, ihre beiden Label Es-tu un Ange? und Dudu&T-rex und die Zukunft der Modewelt.

Wie haben Sie Ihre Leidenschaft fürs Designen entdeckt?

Meine Familie hat mich darin sehr geprägt. Sie besaß eine Textilfabrik, so stand mir Kleidung schon immer nahe. Dann kam die Schule, wo ich begann, mich zur Stylistin ausbilden zu lassen. Mit ihr reiste ich nach Paris und wurde für einen dreimonatigen Aufenthalt ausgewählt. Innerhalb dieses Praktikums erhielt ich bei Pierre Cardin und Jean Louis Scherrer einen guten Einblick in die Welt des Designs, in Aufbau, Ausbildung und Ausführung. Es war eine sehr inspirierende Zeit, wenn sie auch nur kurz war. Nach meinen Abschluss als Stylistin habe ich immer wieder Fortbildungen und Designkurse besucht und würde heute sagen, dass ich weder Stylistin noch Modedesignerin bin, sondern dass ich einfach Kleidung entwerfe.

Was für Kleidung stellen Sie her?

Bilder: Aaron Taylor (3)
Ich kreiere tragbare, bequeme Kleidung aus natürlichen, leichten Stoffen, wie Leinen, Baumwolle und Seide für Vollblut-Frauen die gerne etwas Besonderes tragen und keine Massenprodukte. Den Stil würde ich als Casual, genauer gesagt als Luxus-Casual und gleichzeitig als Basic bezeichnen. Meine Stücke verstecken die Trägerin nicht, sondern entlassen sie in die Freiheit. Sie schränken sie nicht in ihrer Persönlichkeit ein, sondern zeigen sie, betonen ihre Weiblichkeit. Die Kleidung spricht nicht nur eine Altersgruppe an, von der 18-Jährigen bis zu meiner Schwiegermutter können alle bei mir etwas finden. Außerdem sind die Stücke sehr variabel, können mit Accessoires einfach tagsüber oder auch abends etwas exquisiter für offiziellere Anlässe getragen werden. Deswegen Basic. Man kann sich damit und darin richtig austoben.

Woher nehmen Sie Ihre Ideen?

Alte Filmstars inspirieren mich sehr stark, Diven wie Marlene Dietrich, Zsa Zsa Gábor und Elisabeth Taylor. Diese hatten eine unglaubliche Persönlichkeit und Ausstrahlung. Diesen weltklugen, mondänen und kultivierten Frauentyp verbinde ich in meinen Kollektionen mit den meist arbeitenden Frauen aus der Stadt. Aber auch der Rothschild Klara Salon in Budapest, der eine große Tradition hatte und hat, gehört zu meiner Inspirationsquelle, wie auch die Haute Couture, die ich in Paris erleben durfte.

Wie sehen ihre Kollektionen aus?

Es sind Kapsel-Kollektionen, die aus etwa 15 bis 25 verschiedenen Modellen bestehen und von denen pro Modell etwa 12 bis 15 Stück produziert werden. Die Größen gehen von 36 bis 42. Ich gebe meinen Kollektionen auch immer einen Namen, dieses Mal ist es für Es-tu un Ange?: die Dorfromantik in der Großstadt.

Was heißt das genau?

Dorfromantik in der Großstadt verbirgt klare Formen, Drucke, viel Weiß mit kräftigem Orange und Paprikarot in den Accessoires. Ich spiele generell sehr gerne mit kräftigen, intensiven Farben. Wir haben die Fotos dafür erst vor kurzem in Pula, in der Nähe vom Tal der Künste, geschossen, und es hat viel Spaß gemacht. Das Gute bei solchen Aufnahmen ist immer, dass ich ja selber Stylistin bin und mir dadurch immer das Gesamtbild vorstellen kann. So kann ich den Profis genau sagen, was und wie ich es gerne hätte. Das erleichtert beiden Seiten die Arbeit.

Wie sieht es mit Ihrem anderen Label Dudu&T-rex aus?

Das T-Shirt-Label entstand mit meinen beiden Nacktkatzen Dudu und T-Rex, die mich jeden Tag inspirieren, und ist anders aufgebaut als Es-tu un Ange?. Es ist eine viel mutigere, verspieltere und lustigere Linie, mit viel Farbe. Hier ist alles erlaubt. Es hilft mir, meine ganze Persönlichkeit zu entfalten. Jeder Mensch hat zwei Seiten und so ist Dudu&T-rex das Gegenstück zu Es-tu un Ange?. Trotz allem sind die Kleidungsstücke der beiden Marken auch gut kombinierbar.

Was planen Sie für die Zukunft?

Einen Webshop. Es zeichnet sich ab, dass immer mehr Menschen über das Internet Dinge einkaufen werden. Deswegen arbeite ich gerade an einem Webshop, in dem nicht nur meine eigenen Kollektionen, sondern auch die von befreundeten ungarischen Designern, also auch noch unbekannte Labels, gekauft werden können. So in zwei bis drei Monaten geht das Ganze online. Außerdem arbeite ich regelmäßig und gerne mit anderen Designern zusammen.

Wie sieht diese Zusammenarbeit aus?

Photo: Otto Kálmán. Model: Ágnes Cinke,
Make up: Veronika Alács,  Hair: Kata Ternyák (2)
Nun, die Zusammenarbeit läuft in der Regel schon während eine Kollektion entworfen wird, und das ergänzt und weitet die Möglichkeiten aus. Vergangenen Winter habe ich zum Beispiel mit Réka Vágó kooperiert, die Schuhe und Taschen für meine Kollektion entworfen hat. Diese sogenannten Col-Labs sind für mich die Zukunft des Designs. Ich bemühe mich, für jede Saison jemand Neuen dafür zu begeistern, weil es eben beide Marken stärkt. Das hoffe ich jedenfalls. Leider habe ich für das Frühjahr niemanden gefunden, aber im Herbst arbeite ich wahrscheinlich wieder mit jemandem zusammen, den ich noch nicht verraten möchte. Auf jeden Fall sollte man für alles offen sein.

Welche Länder würden Sie noch reizen?

Einige. Ich möchte natürlich auch in anderen EU-Ländern vertreten sein, wobei ich dabei Paris fast ausklammere, dafür ist meine Kleidung viel zu tragbar und nicht künstlerisch genug. Deutschland wäre eine Möglichkeit und in Asien ist noch ein offener Markt, der neugierig auf alles ist. Allerdings bleibt Ungarn immer mein Zentrum, ich lasse alles ausschließlich hier produzieren. Auch möchte ich immer so arbeiten, wie es mit meinem Leben, meiner Familie und meinem Herz vereinbar ist.
Ines Gruber
PAZICSKI Budapest
V. Henszlmann Imre utca 3.

Tel.: +36 1 411  06 31 / 32
Webseite: www.es-tuunange.com

Webshop: www.etuashop.com

Erschienen in der Budapester Zeitung Nr. 16, vom 18.-24. April 2011

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Réka Vágó


Designer aus Ungarn – Teil 9
Réka Vágó und ihre Schuhlabel rekavago und r by rekavago
„Objekte im Raum“ – Schuhe für mehr Mut zum Auffallen

In einer kleinen, versteckten Werkstatt in Budapest arbeitet und entwirft die Schuh- und Taschendesignerin Réka Vágó in Gesellschaft ihrer beiden Hunde mit Nadel und Faden, Buntstiften, Papier und Scheren ihre neuesten Kreationen. Die BUDAPESTER ZEITUNG hatte die Möglichkeit, ihr dabei über die Schulter zu blicken und ihr einige Fragen zu ihrer Arbeit zu stellen.

Wie sind Sie zum Schuhdesign gekommen?

Mich hat schon seit der Grundschule Design und Mode interessiert, ich habe sogar in der fünften Klasse mit einer Freundin ein eigenes Modelabel entworfen. Es war mir immer klar, dass ich kreativ arbeiten will und nicht Jura oder Wirtschaft studieren werde. Zwar habe ich mir auch kurzfristig immer mal etwas anderes vorstellen können wie Geologie, Ägyptologie oder Archäologie, aber ich bin immer wieder zur Mode zurückgekehrt. Zu den Schuhen kam ich dann während meiner Ausbildung. Obwohl ich meine eigenen Tanzkleider und die meiner Freunde für den Wettbewerb entworfen habe, hat mich das Designen von Kleidung nie wirklich gepackt. Als wir uns dann in der Ausbildung für eine Fachrichtung entscheiden mussten, habe ich mich für die Schuhe entschlossen. Wir waren sehr wenige, denn pro Jahrgang melden sich nur maximal sechs Studenten zum Schuhdesign. Dadurch hatten wir einen familiären Umgang miteinander, was mir sehr gut gefallen hat.

Warum lieber Schuhe als Kleidung?

Textile Stoffe fließen aus meinen Händen. Leder hat einen gewissen eigenen Halt durch seine Struktur. Es hat etwas von Bildhauerei, von Formen, wenn man aus diesem flachen ein dreidimensionales Objekt erschafft. Ich kann mich auf jeden Fall an sehr viele Schuhe aus meiner Kindheit erinnern: meine ersten roten Sandalen, die Hochzeitsschuhe meiner Mutter, die Schuhe meiner Lehrerin oder die furchtbaren Schuhe einer Musical-Hauptdarstellerin.


Achten Sie bei jedem auf die Schuhe?

Ja. (lacht) Schon. In der Metro, Straßenbahn. Eigentlich überall. Das tue ich nicht, um die Träger zu kritisieren, sondern ich sammle Ideen. Aber nicht so, dass ich das Design anderer übernehmen würde, das könnte ich nicht, sondern weil es mich interessiert, wie die Menschen ihre Schuhe tragen. Welche Präferenzen sie haben, wie sie die Schuhe benutzen. Zum Beispiel, ob der Stiefelschaft umgekrempelt ist oder nicht, wie die Schuhbänder aussehen… Schuhe sind Objekte im Raum, und ich bin neugierig, wie sie benutzt werden. Denn so kann ich nach den Bedürfnissen meiner Kunden entwerfen.

Verraten Ihnen die Schuhe auch etwas?

Bilder: Tamás Réthey-Prikkel (5)
Sie verraten viel über den Träger, außerdem gehören sie immer dazu. Man kann Accessoires wie Ketten, Ringe oder Taschen weglassen, aber Schuhe braucht man, egal wer oder wo. Sie ergänzen die Kleidung, machen sie komplett und tragen zur Aussage, zum Statement der ganzen Person bei. Man weiß durch die Schuhe, worauf der Träger Wert legt, ist es die Bequemlichkeit oder die Unterstreichung des eigenen Aussehens? Wie will sich die Person damit fühlen, sexy, weiblicher oder will sie Aufsehen erregen? Man erfährt viel über Prioritäten, wenn man Schuhe beobachtet.

Was entwerfen Sie am liebsten?

Ich persönlich trage gerne flache Schuhe, Ballerinas und Mokassins, also entwerfe ich diese auch am liebsten. Aber auch schöne, sexy Sandalen für den Sommer oder Plateauschuhe mag ich, Wedges sind allerdings eher nicht mein Ding, weil sie den wenigsten Menschen stehen. Es ist wie im Alltag, es kommt immer darauf an, wohin man geht und wie man auftreten möchte. Meiner Meinung nach sollte man den richtigen Schuh für die richtige Gelegenheit tragen. 

Was ist Ihnen am wichtigsten dabei?

Bei meinen Schuhen achte ich auf die Qualität des Leders, benutze meist mehr als eine Farbe und teste sie auch selbst. Ein Entwurf, der nicht bequem ist, den lasse ich auch nicht herstellen. Schuhe sind meine große Liebe, sie sollen so einzigartig wie möglich, eben ein Blickfang sein; bei ihnen kann ich mich austoben. Bei meinen Taschen ist das ein wenig anders, hier kommt meine praktische Seite zum Vorschein. Ich lebe manchmal fast aus meiner Tasche, und die Frauen, die meine Produkte kaufen, haben ein ähnlich aktives Leben. Deswegen müssen meine Entwürfe viel Platz bieten, um alles zu verstauen, egal ob Abend- oder Handtasche.

Und wer sind Ihre Käufer?
Das kommt darauf an. Am Alter kann ich es nicht festmachen, auch der Preis ist nicht ausschlaggebend. Es sind eben Frauen, die das Außergewöhnliche bevorzugen; jetzt bald auch Männer, wenn mein neues Männerlabel startet. Ich habe die Premium-Linie rekavago, bei der ich teurere Grundmaterialen verwende und mehr Handarbeit benötigt wird, und das Label r by rekavago, das um zwei Drittel günstiger ist und mehr Kunden erreicht. Gekauft werden die Schuhe von Ungarn und Ausländern, allerdings steigt die Zahl der Ausländer, weil sie die Qualität und das Design meiner Schuhe mögen und sie diese bei mir für einen guten Preis erwerben können. Viele kaufen auch aus beiden Linien etwas, das kommt darauf an, wofür der Schuh gebraucht wird. Budapest ist nicht gerade schuhfreundlich und so überlegt man schon, ob man seine empfindlichen Schuhe tragen sollte oder nicht. Allerdings könnte man ja Wechselschuhe mitnehmen, wie die Frauen in New York. Das hat auch etwas Schickes.

Machen Sie auch Einzelan­fer­ti­gungen?
Natürlich. 50 Prozent sind Einzelanfertigungen; entweder Nachproduktionen eines Kollektionsschuhs, der in einer anderen Größe benötigt wird oder etwas abgeändert werden soll, Bestellungen von Bräuten, die einen tollen Brautschuh möchten oder von anderen Frauen, die eine Idee haben und diese umsetzen möchten.

Und wie designen Sie?

Ich entwerfe jedes halbe Jahr einen neue Kollektion, besser gesagt zwei für die Frauenlinie und ab diesem Jahr noch eine für die Herren. Diese bauen allerdings auch auf die vorherigen auf, ich übernehme beliebte, sogenannte klassische Modelle, und ändere sie nur etwas. Sonst habe ich eine Geschichte im Kopf, ein Thema, sozusagen eine Bildwelt, zu welchen Kleidern die Schuhe passen, für welche Frauen ich sie entwerfe… Durch die Einzelstücke bekomme ich auch neue Ideen, das ist so etwas wie mein Spielplatz, wo ich mich ausprobieren kann. Wenn viele den Entwurf gut finden, nehme ich ihn in die Kollektion mit auf. Und zu jeder neuen Saison gehört auch immer eine Tasche, die sich durch 
ihre Form in das Gesamtkonzept einfügt.

Was bringt die Zukunft?

Einen Onlineshop. Im Moment gibt es meine Entwürfe nur im Pazicski Showroom oder auf der Seite www.ourstyle.hu. Meine neuesten Nachrichten stehen im Moment immer auf meinem Blog, da meine Webseite aktualisiert wird, um den Onlineshop einzurichten. Mit dem kann ich dann auch Menschen außerhalb Budapests erreichen, auf dem Land oder im Ausland.

Wie würden Sie Ihre Entwürfe beschreiben?
Irgendwo erneuere ich die Schuhwelt, verknüpfe Ideen und setze Trends mit Schuhen die tragbar, bequem und etwas auffällig sind. Mit den Kreationen versuche ich, die Bedürfnisse vorab zu erfüllen und biete Menschen eine Alternative zu anderen Schuhen. Hoffentlich sporne ich sie damit auch an, mehr Mut zum Auffallen zu zeigen und dazu zu stehen.

Ines Gruber
PAZICSKI Budapest

V. Henszlmann Imre utca 3.

Tel.: +36 1 411  06 31 / 32


Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr

Samstag 10 bis 17 Uhr

Persönlicher Termin: +36 70 3804754
Onlineshop:
 www.ourstyle.hu und
 www.rekavago.com (bald online)

Blog: rekavago.wordpress.com
Bild: Aaron Taylor (1)
RÉKA VÁGÓ hat an der Bratislavaer Kunsthochschule (VSVU) und an der Moholy-Kunstuniversität studiert und beendete dort ihren Master 2003. Außerdem hat sie am London College of Fashion Schuhdesign-Kurse besucht. Nach zwei Jahren Arbeit für Tisza Cipő und den Juhos Schuhsalon brachte sie 2005 ihre erste Kollektion heraus mit Couture und Ready-to-Walk Schuhen unter ihrem eigenen Label. Kurze Zeit später, in der Herbst-Silhouette-Kollektion 2006/07, gesellten sich dann Taschen hinzu. Vágó arbeitet mit einigen anderen Designern wie Kiren Passi, Bori Tóth, Aquanauta and Anna Péter zusammen.


Erschienen in der Budapester Zeitung Nr. 15, vom 11.-17. April 2011

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Nanushka


Designer aus Ungarn – Teil 8
Sandra Sándor und ihr Label Nanushka
“Mut, Selbstsicherheit und Geschmack“

Ein versteckter, heller Laden in der Nähe des Budaer Burgberges, der durch sein nettes Ambiente einlädt zu verweilen und in den vielen verschiedenen Kleidungsstücken zu stöbern. Hier ist das Label Nanushka von der Designerin Sandra Sándor zu Hause. Trotz Renovierungsstress und Kleider Entwerfen hat sie lächelnd Zeit für ein Gespräch über Mode, Inspiration und das Ausland.

Wie sind Sie zum Design gekommen?
Irgendwie über meine Mutter, sie hat sich mit Kinderbekleidung beschäftigt. Bei mir war es nicht so klar, ob ich das auch machen möchte, das hat sich mit der Zeit so entwickelt. Ich bin kein klassischer Designer. Ich war sogar schlecht im Zeichnen, aber in der Mittelschule habe ich dann den Entschluss gefasst, es zu versuchen. Da ich als Kind mit neun Jahren in Portugal auf einer amerikanischen Schule war, hatte ich die Möglichkeit, im Ausland zu studieren. Das tat ich dann auch. Ich ging für vier Jahre an das London College of Fashion und machte meinen Abschluss 2006.

Und was kam danach?

Danach ging eigentlich alles ganz schnell. Ich habe meine Diplomarbeit von 2006, Spring Summer SS 2006, weiter entwickelt und zu einer Kollektion ausgebaut. Dann hat ein amerikanischer Zwischenhändler meine Arbeit gesehen und sich der Sache angenommen. Er vertritt mich inzwischen bei zehn Läden in den USA und sichert mir eine große Nachfrage für meine Designs.

Sandra beobachtet ihre Mitarbeiter beim Aufhängen des Vorhangs:
„Wow, das sieht echt gut aus!
Das ist ein toller Stoff“. Zurückgewandt entschuldigt
sie sich: „Tut mir leid, für die Unterbrechungen, aber ich bin so aufgeregt wegen der Renovierung.“

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Es gibt darin vier fundamentale Grundzüge, sozusagen Grundpfeiler: Bequemlichkeit, Funktionalität, Verspieltheit und Tradition. Die habe ich schon in meiner Diplomarbeit verfolgt und diese ziehen sich in einer gewissen Weise durch alle meine Kollektionen. Sie vermischen sich, ändern sich etwas, bleiben aber trotzdem bestehen und sichtbar. Im Moment nutzen wir Elemente des Ethno und Folk, die sich in der neuen Kollektion verbinden.

Und wie äußert sich das in Ihren Schnitten und Stoffen?

Wir benutzen viele Kontraste, machen zum Beispiel aus Baumwolle ein Sakko, spielen mit den Schnitten und versuchen, das Konventionelle etwas umzudeuten. Die Traditionen lassen uns auf Altes zurückgreifen, die Verspieltheit gibt dem Kleidungsstück das gewisse Extra. Bequemlichkeit und Funktionalität sind mir persönlich sehr wichtig. Man sollte sich in seiner Kleidung wohl fühlen. Deswegen nutzen wir auch eher Naturfasern, Baumwolle, Leinen, Seide oder eben moderne Active-wear-Stoffe, die zwar synthetisch, aber auch durch kleine Kniffe im Schnitt angenehm zu tragen sind.

Wie stellen Sie eine neue Kollektion zusammen?

Die Inspiration dazu kann vielfältig sein. Ich entwerfe zusammen mit Eszter die Kleidung, aber auch meine anderen acht Mitarbeiter sammeln bei unseren vielen Reisen Ideen, machen Photos, blättern durch alte Modebücher, schauen im Internet, lesen Mode-Blogs und gehen zu Stoffausstellungen. Da kommt am Ende Einiges zusammen. Dann überlegen wir, wie viele Jacken, Röcke, Oberteile wir brauchen, legen Motive fest, suchen zum Thema einen passenden Stoff, probieren herum und verbinden das Ganze dann. Im Grunde ist es Teamwork.

Gruppieren sich Ihre Kollektionen um ein Thema?

Nein, nicht wirklich. Es gibt immer wiederkehrende Motive, die wir von beliebten Kleidungsstücken übernehmen, aber ein gemeinsames Motto gibt es nicht. Mir wäre ein einziges Thema auch viel zu langweilig. Meine Kleidung ist sehr variabel und spricht viele unterschiedliche Menschen an. Wir haben kein einziges charakteristisches Motiv, das die Kollektion vereint, sondern mehrere, meistens drei Motive, die wiederkehren. Das ist auch eine größere Herausforderung, wenn man mit vielen Leitgedanken arbeitet.

Wie viel produzieren Sie von einer Kollektion? Stellen Sie auch Einzelstücke her?
Bei den Kollektionen lassen wir zwischen 50 und 250 Stück pro Kleidungsstück nähen, die sich in Größe und auch Farbe unterscheiden. Da, wie schon erwähnt, die USA ein wichtiger Abnehmer sind, haben wir Größen von XS bis XL. Am Anfang haben wir auch zwei bis zehn Einzelstücke angefertigt, aber jetzt haben wir keine Zeit mehr dazu.

Wie sieht es mit Europa aus?

Hier gibt es leider noch keinen einzigen eigenen Laden nur von uns. Dafür sind wir jedoch in Japan, Kanada, Frankreich, Italien und Russland in Designerläden vertreten. Das sind im Moment eher noch größere Regionen wie die USA, der Nahe Osten und Asien, in denen wir zu finden sind. Ich hoffe aber, dass wir in Zukunft noch einige Länder mehr erobern können. Am liebsten wäre ich in allen vertreten. Allerdings hatte ich von Anfang an eine Webseite, auf der man auch bald online bestellen kann. Das wird den Durchbruch in Europa vielleicht erleichtern.

Seit wann besteht dieser Laden?

Seit der Anfangszeit 2005. Und das ist unsere erste Renovierung (lacht). Vorher war der Laden dunkler und mit weniger Ausstellungsfläche, weil wir auch hier gearbeitet haben, jetzt machen wir das in einem Nebenraum. Aber nun ist er richtig toll geworden, hell und freundlich.
Bilder: Nanushka (3)

Gibt es viele Kunden, die Ihren Laden einfach finden, oder suchen die meisten gezielt danach?

Es gibt beides. Wir machen Werbung in internationalen Zeitschriften und Magazinen. Sie werden von Touristen gelesen, die dann kommen und auch meist etwas kaufen. Aber es sind immer noch mehr Ungarn als Ausländer, in der Regel zwischen 25 und 30 Jahren alt. Hier in Budapest gibt es Nanushka zudem auch in anderen Läden wie RetrockDeluxe, Mono und MyDay. So erreichen wir noch mehr Menschen.

Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Das kann ich gar nicht so genau sagen. Vielleicht liegt es daran, dass man, wenn man aus Budapest kommt, noch immer als ein Kuriosum gilt. Eine ungarische Marke ist mal etwas anderes. Aber ich kann das auch falsch sehen. Auf jeden Fall ist es kein Problem, das wir Ungarn sind. Ich denke, im aktuellen, internationalen Wettbewerb haben wir die gleichen Startvoraussetzungen.

Was ist für Sie Mode?

Design und Mode ist ein Ausdruck von Mut, Selbstsicherheit und Geschmack für mich. Es ist ein Medium, dass zeigt, wer und was ich bin.

Ines Gruber
Nanushka

Csónak utca 9
Tel.: + 36 1 202 1050


Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr

Wochenende geschlossen
www.nanushka.hu

SANDRA SÁNDOR hat 2006 am Londoner College of Fashion in der Fachrichtung Fashion Design and Technology ihren Abschluss gemacht und gewann im selben Jahr auch den  Fashion Award Ungarns für den „Besten Jungen Designer des Jahres“. Diesem folgte 2008 der Ernst and Young Preis für „Das Versprechen der Zukunft“ und 2009 der Glamor „Frau des Jahres“ Award. Sándor nimmt zweimal im Jahr an der Train Show und Coterie in New York City teil.

Erschienen in der Budapester Zeitung Nr. 14, vom 4.-10. April 2011

Dienstag, 15. Oktober 2013

Pazicski


Designer aus Ungarn – Teil 5
Miklós Pazicski und sein Label PAZICSKI
„Design ist kein egoistisches Künstlerwerk“

Eine Seitenstraße in der Innenstadt beim Károlyi Kért führt zum eleganten, exquisiten und übersichtlichen Laden von Designer Miklós Pazicski. Große Schaufenster zur Straße hin geben Ausblick auf das Gebotene: Kleidung dezenter Färbung in klaren, stilvollen und doch modernen Schnitten hängt neben extravaganten Accessoires wie Handtaschen und Schuhen. Die BUDAPESTER ZEITUNG sprach mit Pazicski über sein Label, das Erschaffen von Mode und seine Kunden.

Wie sind Sie zum Modedesign gekommen?
Mich hat Kunst und Zeichnen im Grunde schon immer interessiert, jedoch wollte ich nie ein entrückter Künstler werden. Angewandte Kunst war eher mein Ding. Deswegen habe ich bei der Ungarischen Universität für Kunst und Design einen Vorbereitungskurs gemacht,  mich dann beworben und wurde angenommen. Warum aber Design für Kleidung... das kann ich gar nicht mehr so richtig beantworten. Es war eben ein Zufall, ein glücklicher Zufall.

Haben Sie Vorbilder?
Ich könnte einige Designer nennen, von denen mir die eine oder andere Kollektion gefällt, aber einen besonders wichtigen nicht. Ich mag klare Formen,  die finde ich bei anderen auch. Bestimmt beeinflussen sie mich, fließen ihre Schöpfungen ein wenig mit in meine Arbeit ein. Jedoch könnte und würde ich nie etwas kopieren. Am Ende kommen durch meine Ideen doch immer eigene, neue Kreationen heraus.

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?
Mein Stil dreht sich grundsätzlich um Formen, Planung der Formen und die Veränderung des Umfelds, um den Körper herum. Aber ich bemühe mich, immer tragbare und bequeme Kleidung für den Käufer zu erschaffen. Mode sollte interessant sein, aber immer auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Das engt zwar meinen Planungsspielraum etwas ein, jedoch werden die kleinen, feinen Details wichtiger. Design sollte meiner Meinung nach kein egoistisches Künstlerwerk sein. Die Harmonie der Silhouette, des ganzen Kleidungsstücks ist wichtig, es sollte niemals wie ein Kostüm aussehen. Frauenmode eignet sich besonders dafür, weil man mehr Möglichkeiten hat.

Wie erschaffen Sie Neues?
Bilder: Aaron Taylor (2)
Ich habe zwar feste Elemente, wie verschiedene Technologien, die immer wiederkehren, aber ich versuche auch immer, neue Techniken zu finden und Abwechslung in meine Kleidung zu bringen. Da ich nicht auf dem Papier designe, sondern mit Stoffen spiele und an einer Puppe damit experimentiere, entstehen neben Haupt- oft auch erstaunliche Nebenprodukte. Um Formen wie die meinen auf Papier zu entwerfen, braucht man langjährige Erfahrung, weil man dann schon weiß, wie ein Stoff reagiert, wo er Falten wirft und wie es als Endprodukt aussehen wird. So weit bin ich noch nicht.

Sie haben also keine Schnittmuster?
Nein, so ist es nicht. Neben diesem kreativen Herumexperimentieren folge ich einem sehr rationalen, exakten Stil. Das, was an der Puppe erschaffen wurde, übertrage ich in ein vereinfachtes Schnittmuster. Die Planung ist aber nur die eine Seite, die Ausführungen sind genauso wichtig. Sie müssen nahezu perfekt sein. Ich gebe kein Stück aus meinen Händen,  das nicht vollkommen geschnitten und genäht ist.

Was für Stoffe und Farben benutzen Sie?
Bei den Stoffen halte ich mich grundsätzlich an Gewebtes, nicht Gestricktes, obwohl wir manchmal schon auch Wolle verwenden. Sonst arbeite ich gerne mit Seide, hin und wieder auch mit Viskose, aber eher mit Naturfasern. Jersey ist so gar nicht meins. Obwohl es einfacher wäre, damit zu arbeiten, weil Jersey sich dehnt. Durch die starreren Stoffe, die ich nutze, müssen meine Kleidungstücke allerdings individuell an die Käuferin angepasst werden. Den meisten Kundinnen ist das jedoch nur recht, denn dadurch wird das Stück gänzlich zu ihrem. Meine Farben schwanken stark bei jeder neuen Kollektion. Diesen Winter gefielen mir zum Beispiel dunkle Töne wie schwarz, dunkelblau und dunkelgrau, danach möchte ich jetzt wieder mehr Farbe und mache Mode in helleren Tönen.

Wann wurde der Laden eröffnet und wer sind Ihre Kunden?
Den Laden gibt es seit ungefähr zweieinhalb Jahren. Ich finde seinen Platz durch Umgebung und Lage in der Innenstadt gut gewählt. Obwohl ein Laden an der Andrássy út natürlich noch perfekter wäre (lacht). Die Kundschaft, die meinen Stil mag, ist eher etwas erwachsener. Ich würde sagen, es sind Frauen ab 25, die bei mir einkaufen. Sie können es sich schon leisten, denn natürlich sind meine Einzelstücke teuerer als die Ware bei den Modeketten; die Jüngeren suchen eher nach etwas anderem. Etwa die Hälfte meiner Kunden sind Ausländer, die anderen Ungarn. Besonders Franzosen und Schweden mögen meine Mode. Interessanterweise kaufen die Ausländer, die in den Laden kommen, auch fast immer etwas.

Sie sagten Einzelstücke. Schneidern Sie nicht nach?
Nein, nicht wirklich. Für die Kollektionen kaufen wir immer genau so viel Stoff, wie wir benötigen. Es bleibt also nichts übrig. Wenn eine Kundin etwas findet, was sie in einem anderen Material oder Farbe haben möchte, ist das natürlich kein Problem. Wir schneidern es ihr dann. Aber das ist ja dann wiederum auch eine Einzelanfertigung. Meine Kollektionen wechseln außerdem jede Saison und sind immer anders.

Sie sagten „Wir“. Wie viele Mitarbeiter haben Sie?
Ich habe zwei Angestellte und meist auch immer einen Praktikanten. Sie kommen meistens von meiner alten Universität oder der ModArt. Wir versuchen, ihnen so viele Aufgaben wie möglich zu übertragen, und geben unser Wissen und Erfahrungen an sie weiter. Schließlich sollen sie etwas lernen.

Haben Ihre Kollektionen ein Thema?
Kollektionen bekommen oft erst nach ihrem Entstehen ein Motto. Es fasst ihre Präsentation, die Schminke, die Frisuren zusammen und gibt dem Ganzen ein Image. Ich benutze so etwas also nicht. Es geht bei mir vielmehr um die Entstehung der Kleidung, ihre Form und die Silhouette.

Gibt es noch andere Designer, die Sie im Laden verkaufen?
Die gibt es. Ich biete vier jungen, noch unbekannteren Designern die Möglichkeit, bei mir ihre Kleidung und Accessoires vorzustellen. Die Lederaccessoires wie Gürtel, Schuhe und Handtaschen macht Réka Vágó, der Schmuck stammt von Souffle, seit neuestem gibt es außerdem Kleidung von Es-tu un Ange?.

Was bringt die Zukunft?
Jeder Designer träumt vom Durchbruch im Ausland: Paris, London... Aber man weiß nie ob das wirklich wahr wird. Ein Laden in Frankreich oder in Skandinavien wäre toll, denn ich denke, dass meine Kleidung dort den Nerv und Geschmack der Leute treffen würde. Aber besonders in Frankreich es ist schwierig, sich zu etablieren und der Markt in Ungarn ist schwerfällig.

Ines Gruber
PAZICSKI Budapest
Henszlmann Imre utca 3.
Tel.: +36 1 411 06 31 32

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr
Samstag 10 bis 17 Uhr

MIKLÓS PAZICSKI hat von 2000 bis 2005 an der Ungarische Universität für Kunst und Design studiert, gründete 2006 sein eigenes Label und betreibt seit 2008 seinen Laden in der Innenstadt. Seine Kleidung wird nicht nur in Ungarn,  sondern auch in Wien, Stockholm, Malmö, Paris und Maribor vertrieben. Pazicski hat an einigen Modeshows im In- und Ausland und bei Ausstellungen teilgenommen.

Erschienen in der Budapester Zeitung Nr. 11, vom 14.-20. März 2011

Montag, 14. Oktober 2013

Retrock


Designer aus Ungarn – Teil 4
Róbert Líbor und Retrock – Shop und Label
„Wie eine Schatzsuche“

Ein wenig Punk und Underground, buntes Neues gemischt mit Altem – das findet man im Retrock nahe Astoria. Besitzer Róbert Líbor bietet zusammen mit Dóra Gyöngyösi und Klára Erdelyi selbstgemachte Vintagekleidung zu fairen Preisen. Die BUDAPESTER ZEITUNG sprach mit ihnen über Anfänge, Kunden und Zukunftspläne des Ladens.

Wie entstand der Laden und das Modelabel Retrock?
LÍBOR: Oh, da müsste ich jetzt ganz weit ausholen. In Kürze würde ich sagen, dass ich schon immer von Second Hand fasziniert war. Ich mag Psychedelic Rock, Underground und das ganze Drumherum. Deswegen habe ich als Jugendlicher viele Läden auf der Suche nach passender Kleidung durchforstet. Am Ende habe ich dann nicht nur für mich selbst, sondern auch für meine Freunde Klamotten gesucht und gefunden. Daraus entstand die Idee, einen ganz besonderen Second Hand Laden zu eröffnen, was ich dann in Szeged tat. Trotz der vielen Studenten dort wurde mir die Stadt nach drei Jahren zu klein und ich ging nach Budapest, wo ich 2001 Retrock in einem Hinterhof ganz in der Nähe vom jetzigen Standort eröffnete. Damals war die Retrowelle gerade in Ungarn angekommen und es gab nur wenige Läden die diesen Stil anboten. Nach ungefähr einem halben Jahr fing ich dann an, Kleidung selber zu gestalten.

Wann kamen die anderen beiden dazu?
LÍBOR: Dóra geht mir seit 2002 zur Hand, und Klára hilft seit anderthalb Jahren aus. Ihre eigenes Label, Acid&Zorro, das früher mal Lollipop hieß, ist seit acht Jahren ebenfalls in unserem Laden vertreten. Insgesamt arbeiten wir ständig mit etwa drei anderen ungarischen Designern zusammen, deren Kleidung wir im Retrock verkaufen. Ungefähr zehn weitere fertigen außerdem Ohrringe, Taschen, Buttons oder andere Accessoires an.
GYÖNGYÖSI: Wir schauen auch immer im Ausland nach neuen Designern, die innovative, neue Linien haben und zu uns passen. Manche sind dann nur mit ein, zwei Teilen im Laden vertreten, vielleicht auch nur ein einziges Mal.
 
Bilder: Aaron Taylor (2)
Wie würden Sie den Laden beschreiben?
GYÖNGYÖSI: Retrock ist kein gewöhnlicher Second Hand Shop, sondern in Wirklichkeit ein Vintage-Geschäft. Wir haben zwar auch heute noch etwa 30 Prozent gebrauchte Kleidung, der Rest ist jedoch neu designt, von uns oder eben den Labeln. Gebrauchte Kleidung ist geändert und umkreiert. Es entsteht daraus etwas ganz Neues. Das hat nicht mehr viel mit Second Hand im ursprünglichen Sinne zu tun. Sondern ist Old-School, Vintage oder Underground. Ein einzigartiger, neuer Stil.
LÍBOR: Gebraucht ist auch nicht gleich gebraucht. (lacht) Wir haben spezielle, alte Kleidung aus den 60- er bis 80-er Jahren, die wir auf Flohmärkten oder in anderen Läden finden. Die meisten davon sind Einzelstücke. Wir suchen immer besondere Teile und verändern sie dann. Dabei stehen uns einige Schneider zur Seite, die unsere Ideen verwirklichen und auch die Kleidung individuell an den Käufer anpassen. Das gilt sowohl für die Vintage-Einzelstücke als auch für unsere eigenen Sachen. Letztere gibt es nicht immer in allen Größen, da wir meistens nur in kleinen Auflagen produzieren. Manchmal muss dann eben für einen Käufer ganz schnell aus einem XL T-Shirt eines in Größe M gemacht werden.

Wie oft erhalten Sie neue Ware?
ERDELYI: Nicht täglich, wir sind ja keine Fabrik. Die Sachen brauchen Zeit, um zu entstehen. Jede Woche kommt eher hin, ich würde sagen, im Durchschnitt sind es drei bis vier neue Teile pro Woche. Manche sind Einzelstücke, wie eine Tasche, die aus einer spontanen Idee entstanden ist. Andere Sachen, wie zum Beispiel Frühlingsjacken, sind geplant, die kommen in einem bestimmten Monat, saisonal in den Laden.
GYÖNGYÖSI: Wir haben keine Kollektionen, dass würde uns die Spontaneität nehmen, wir produzieren in dem Sinne das ganze Jahr über Neues. Wir sind Autodidakten, haben uns das Designen selber oder gegenseitig beigebracht. Deswegen haben wir eine ganz andere Herangehensweise. Aber es gibt sehr wohl auch Stücke, die wir nachproduzieren lassen, sobald sie alle verkauft sind. Dazu gehören die Männer-T-Shirts mit Siebdruck. Aber einander exakt gleich sind sie natürlich nicht.
LÍBOR: Es ist wie eine Schatzsuche. Wir sind immer auf der Suche nach Inspiration, die vielleicht von einem schönen Stoff oder einem T-Shirt rühren kann. So bleibt es für uns immer ein spontaner Prozess des Kleidermachens, hier können wir uns kreativ entfalten.


Gibt es einen bestimmten Kundentyp, der in Retrock einkauft?
LÍBOR: Wir verdanken zwar in erster Linie ungarischen Käufern unseren Erfolg und die schnelle Entwicklung des Ladens und Labels, aber inzwischen kaufen auch unglaublich viele Ausländer bei uns ein. Dabei sind Alter und soziale Schicht eigentlich egal und sehr gemischt.
GYÖNGYÖSI: Das stimmt. Wie der typische Käufer aussieht könnte ich nicht sagen. Außerdem haben wir neben Retrock auch seit fünf Jahren den Laden Retrock Deluxe, der nur eine Straße weiter am Károlyi Kert ist. Die Kleidung dort ist etwas klarer, reifer und eleganter. Frisch und neu ist die Mode trotzdem. Zwar haben wir dort keine Designer für Herrenmode, aber die importieren wir. Somit bieten wir allen etwas, egal ob sie Einzelstücke, Vintage oder Modernes mögen.

Was ist das Geheimnis Ihres Erfolges?
GYÖNGYÖSI: Retrock war damals seiner Zeit voraus und wurde dadurch bekannt. Jetzt haben wir das Glück, dass viele Ausländer, wie Holländer, Franzosen, Deutsche und Skandinavier zu uns kommen, auch unser Stand auf dem Sziget Festival ist jedes Jahr gut besucht. Die Leute lieben unsere Sachen und wollen mehr davon.
LÍBOR: Wir hatten damals und haben bis heute eine Auswahl, die in nur sehr wenigen Läden in Budapest zu finden ist. Unser Erfolg hat vielen jungen Designern Mut gemacht, sich im selben Viertel anzusiedeln und Mode zu machen.

Was planen Sie für die Zukunft?
GYÖNGYÖSI: Wir sind seit kurzem bei Facebook, wo wir immer die neuesten Teile einstellen, und haben angefangen, einen Webshop aufzubauen. Das ist insbesondere für die ausländischen Kunden von Vorteil, die so auch später noch bei uns einkaufen können. Viele Käufer fragen uns ja auch, ob wir vielleicht in Paris, Mailand oder Amsterdam vertreten sind. Natürlich wäre es schön, einen eigenen Laden im Ausland zu eröffnen.
LÍBOR: Wir haben vor kurzem schon einmal versucht, in Berlin Fuß zu fassen, dass hat leider wegen der Wirtschaftskrise nicht geklappt. Wir werden es aber bestimmt nicht aus den Augen verlieren. Die steuerlichen Konditionen in Wien und Berlin sind im Gegensatz zu Ungarn nämlich unglaublich gut.

Ines Gruber
Retrock                                                           Retrock Deluxe
Ferenczy István utca 28                                    Henszlmann Imre utca 3, 2. Stock
Tel.: +36 30 678 8430
www.retrock.com

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag von 10.30 bis 19.30 Uhr
Samstag von 10.30 bis 15:30 Uhr
Sonntag geschlossen

RÓBERT LÍBOR kehrte seinem Beruf als Konditor 1997 endgültig den Rücken als er seinen ersten Laden in Szeged eröffnete. Ab 2002 half ihm dann Dora Gyöngyösi tatkräftig, das Label Retrock zu erweitern und bekannter zu machen. Das Ergebnis ihrer gemeinsamen Anstrengungen war die Eröffnung von Retrock Deluxe. Die weitere Entwicklung verdankt die Marke Klára Erdélyis Wissen, das sie seit anderthalb Jahren beisteuert.

Erschienen in der Budapester Zeitung Nr. 10, vom 7.-13. März 2011